
Fünf Monate sind vergangen, seit ich meine neue Aufgabe als Vorsitzender des Vorstands unseres ÂUnternehmens angetreten habe. Es ist mehr als eine Aufgabe für mich. Es ist eine Herausforderung mit großer Verantwortung, der ich mich mit Freude stelle. Ich bin stolz und dankbar, nun Teil dieses großÂartigen Unternehmens zu sein und gemeinsam mit unseren rund 400.000 Mitarbeitern in nahezu 190 Ländern daran zu arbeiten, Siemens in eine gute Zukunft zu führen.Â
Die ersten Wochen und Monate habe ich intensiv dazu genutzt, mich mit unserem Unternehmen und den Erwartungen der verschiedenen Stakeholder vertraut zu machen. Viele Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus Regionen und Bereichen habe ich persönlich kennengelernt. Die Gespräche mit vielen unserer Kunden, mit Ihnen, unseren Investoren, und Vertretern aus Politik und Wirtschaft im In- und Ausland waren für mich sehr aufschlussreich.
Mein Fazit aus all diesen Begegnungen und den persönlichen Eindrücken lautet: Siemens steht für technische Leistungsfähigkeit, Innovation, Qualität und Zuverlässigkeit. Den Beweis dafür erbringen wir Tag für Tag bei unseren Kunden. Wir setzen mit unseren innovativen Produkten, Systemen und Lösungen Maßstäbe – auch für unsere Wettbewerber. Siemens ist zudem der Inbegriff für weltweite Präsenz. Internationalität und Innovationskraft: Das sind die Wurzeln unseres Unternehmens, und diese Wurzeln sind stark und gesund. Auf dieses Fundament bauen wir auch in Zukunft.
Am 12. Oktober 1847 eröffnete Werner von Siemens, zusammen mit seinem Partner Johann Georg Halske, in Berlin die Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske. Er legte damit den Grundstein für eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Von Beginn an führte Werner von Siemens seine Innovationen über die deutschen Landesgrenzen hinaus. Das Ideal eines „Weltgeschäfts à la Fugger“ vor Augen, Âeröffnete er bereits 1850 eine erste Repräsentanz in London. Nur drei Jahre später weitete er sein Engagement mit dem Bau eines russischen Staatstelegraphennetzes nach Osten aus. Weitere AuslandsÂaktivitäten folgten.
Von zwei Gründern zu rund 400.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern überall auf der Welt, von der Berliner Garagenwerkstatt zu einem weltweiten Geschäftsvolumen von rund 80 Milliarden Euro: ÂSiemens ist eine Erfolgsgeschichte, die ihresgleichen sucht. Â
Innovationskraft, Internationalität und vor allem Verantwortungsbewusstsein waren wichtige ÂEigenÂschaften von Werner von Siemens. Damit hat er sein Unternehmen geprägt. VerantÂwortungsvoll, exzellent, innovativ – das sind die Werte, denen das Unternehmen verpflichtet ist.
Das abgelaufene Geschäftsjahr ist trotz erschwerter Bedingungen mit einem hervorragenden Ergebnis im operativen Geschäft zu Ende gegangen − mit einem Anstieg der fortgeführten Aktivitäten von 48 Prozent gegenüber dem schon erfolgreichen Vorjahr. Der Auftragseingang erhöhte sich um zwölf Prozent auf 83,9 Milliarden Euro, und der Umsatz kletterte um neun Prozent auf 72,4 Milliarden Euro. Das organische Wachstum war jeweils zweistellig.
Das Unternehmen wächst profitabel, sowohl in der Breite der geschäftlichen Aktivitäten als auch in allen Regionen. Herausragend beim Anstieg der Neuaufträge waren im Berichtsjahr folgende ÂBereiche:
Beim Umsatz erreichten wir in der Region Afrika, Naher und Mittlerer Osten sowie GUS mit 17 Prozent das größte regionale Wachstum. Hohe Zuwächse verzeichneten wir ebenfalls in den Regionen Asien/Pazifik und ÂAmerika. BeÂsonÂders erfreulich ist, dass wir auch in Deutschland, an unserem Heimatmarkt, im vergangenen Jahr zulegen konnten.
Profitables Wachstum war ein wichtiger Aspekt unseres Unternehmensprogramms Fit4More. Die Ziele, die wir uns mit diesem Programm im April 2005 gesetzt hatten, haben wir erreicht. Auf diesen Erfolg sind wir stolz. Aber wir ruhen uns darauf nicht aus. Deshalb haben wir uns im Nachfolgeprogramm Fit4 2010 (Von Fit4More zu Fit4 2010) erneut ehrgeizige Ziele Âgesetzt: Wir wollen weiterhin mindestens doppelt so schnell wachsen wie das weltweite BruttoÂinlandsprodukt und dabei alle Bereiche dauerhaft in die nochmals erhöhten Margenzielbänder Âund darüber hinaus führen.
Ergänzend dazu wollen wir bis 2010 für den Konzern eine Verzinsung des gesamten Kapitals von 14 bis 16 Prozent erreichen. Gleichzeitig möchten wir die Liquidität unseres Unternehmens deutlich Âerhöhen. Zur Erreichung der Ziele von Fit4 2010 setzen wir sowohl auf die bewährten Methoden von top+ als auch auf eine zügige Weiterentwicklung der Gesamtorganisation.
Vorstand und Aufsichtsrat haben gemeinsam die umfassendste Veränderung unserer OrganiÂsaÂtionsstruktur seit 1989 beschlossen. Anfang Januar wollen wir für unser Unternehmen diese neue Struktur implementieren. Sie wird Siemens fokussierter, transparenter und im Ergebnis kundenÂnäher und schneller Âmachen. Unsere Aufstellung als integriertes Technologieunternehmen werden wir dabei selbstverständlich beibehalten und weiter ausbauen.
Mit einem neuen Führungsmodell stärken wir Transparenz und Eigenverantwortung in unserem Unternehmen: Der Vorstand ist für die weltweite Leitung von Siemens verantwortlich. Der bisher als Ausschuss des Vorstands gebildete Zentralvorstand wird abgeschafft. Das Betreuungskonzept Â(„Coaching“) im Vorstand wird durch das Prinzip einer operativen ÂGewinn- und Verlust-Verantwortung ersetzt.
Jedes Vorstandsmitglied wird an der Spitze einer eindeutigen Verantwortungslinie mit klaren EskalationsÂstufen stehen. Dadurch erhöhen wir die Transparenz unserer Organisation, verringern die Komplexität und erhöhen die Entscheidungsgeschwindigkeit.
Wir gliedern unser Unternehmen in die drei operativen Einheiten, Sectors genannt: Industry, Energy und Healthcare. Zum Sector Industry zählen die Geschäfte aus Automation and Drives (A&D), Industrial Solutions and Services (I&S), Transportation Systems (TS), Siemens Building Technologies (SBT) sowie OSRAM. Der Sector Energy deckt die Geschäfte aus den bisherigen Bereichen Power GenÂÂeration (PG) und Power Transmission and Distribution (PTD) ab. Der Sector Healthcare umfasst die Geschäfte aus Medical Solutions (Med). Alle drei Sectors sind untergliedert in Divisions, diese wiederum in ÂBusiness Units. Für jede Ebene trägt jeweils ein CEO die Verantwortung – und dies weltweit.
In den Geschäften der Sectors gehören wir bereits heute zu den führenden Anbietern. Mithilfe Âinnovativer Produkte, Technologien und Lösungen wollen wir diese Weltmarktstellung weiter ausÂbauen. Die Bereiche Siemens IT Solutions and Services (SIS) und Siemens Financial Services (SFS) behalten ihren Status als übergreifende Geschäftseinheiten, da sie das Geschäft der Sectors zusätzlich zu ihrem eigenen Geschäftsauftrag unterstützen. Alle Sectors, die strategischen Beteiligungen und die sektorübergreifenden Einheiten Global ÂShared Services (GSS) sowie Siemens Real Estate (SRE) werden direkt von Mitgliedern des Vorstands verantwortet.
Es bleibt bei der bewährten Matrix aus weltweit agierenden operativen Einheiten mit ErgebnisÂverantwortung und Regionalgesellschaften vor Ort, die unsere Kunden optimal betreuen. Innerhalb dieser Matrix gilt wie bislang schon die Vorfahrtsregelung zugunsten der Weltunternehmer, die letztlich die Entscheidung treffen, wo sie und welche Geschäfte sie machen.
In Hinblick auf unsere Regionalorganisationen wird es auch in Zukunft eine „Ms. Siemens“ beziehungsweise einen „Mr. Siemens“ als zentralen Ansprechpartner unseres Unternehmens in den ÂLändern geben, in denen wir geschäftlich aktiv sind. In der neuen Struktur werden wir insbesondere die vertriebliche Verantwortung in den Regionalgesellschaften stärken und ihnen dafür im Sinne unserer Kunden zusätzliche Freiräume eröffnen. ÂBeispielsweise dadurch, dass wir sie von einer Reihe administrativer Aufgaben, insbesondere bei Finance und Controlling, entlasten. Ferner werden wir das bewährte Konzept der Betreuung von kleineren Regionalgesellschaften durch größere ausweiten. Vorbilder sind hier die Organisationen in Österreich, in der Region Mercosur und Andina oder auch in Nordeuropa.
Ein wichtiger Eckpfeiler unseres Erfolgs ist ein aktives Portfoliomanagement. Wir haben im ÂGeschäftsjahr 2007 große Anstrengungen unternommen, das Portfolio auf profitable Wachstumsfelder auszurichten. Dabei ist unser grundlegender strategischer Anspruch, in allen unseren ÂMärkten die Nummer 1 oder Nummer 2 zu sein. Bei allen Akquisitionen gilt: Wir entwickeln unser Portfolio mit Augenmaß, Weitsicht und finanzieller Disziplin.
Für die Weiterentwicklung unseres Portfolios im Berichtsjahr waren drei Ereignisse von besonderer Bedeutung: der Verkauf der Automobilsparte Siemens VDO Automotive (SV) an die Continental AG sowie die ÂAkquisitionen von Dade Behring Inc., Deerfield, Illinois, USA, und UGS Corp., Plano, Texas, USA.
Die Continental AG ist der richtige Partner für eine erfolgreiche Zukunft des Geschäfts unseres bisÂherigen Bereichs SV. Auch Sie, unsere Aktionäre, profitieren von dieser Lösung eindeutig mehr als von anderen Optionen, mit denen wir uns beschäftigt hatten. Außerdem leisten wir mit diesem Schritt einen auch von unseren Kunden geschätzten ÂBeitrag zur Stärkung der Automobilstandorte Deutschland und Europa insgesamt.
Mit dem Kauf des amerikanischen Diagnostikunternehmens Dade Behring sind wir zum führenden Anbieter der In-vitro-Diagnostik geworden und haben damit die angestrebte Weiterentwicklung zum ersten integrierten Diagnostikunternehmen der Welt abgeschlossen. Als einziger Anbieter von ÂMedizintechnologie weltweit verfügen wir damit über ein breites Produktspektrum, das alle Stufen der klinischen Wertschöpfungskette umfasst.
Der Abschluss der kartellrechtlichen Prüfung durch die Europäische Kommission im April 2007 war der entscheidende Schritt zur Akquisition des texanischen Softwareunternehmens UGS Corp. Hiermit wird Siemens zum einzigen Anbieter, der in der Intelligenten Fabrik der Zukunft die digitale Planung mit der realen Fertigung verbinden kann. So bauen wir unsere Position als weltweit führender Automatisierungsanbieter weiter aus.
Innovationskraft, Internationalität und Verantwortungsbewusstsein – diese Eigenschaften unseres Unternehmensgründers bleiben die Basis für dauerhaften Erfolg. Durch Âunsere technischen Spitzenprodukte haben wir uns Weltruf erworben – hier sind wir für viele unserer Wettbewerber der Maßstab.
Auf dem Gebiet Compliance, also der Einhaltung der Gesetze, verfolgen wir das Ziel, auch dort in die Weltspitze aufzurücken. VerÂlorenes Vertrauen in unser Unternehmen zurückzugewinnen: Das hat für mich persönlich höchste Priorität!
Im Berichtsjahr haben wir deshalb eine Reihe von wichtigen Entscheidungen zur personellen und Âorganisatorischen Neuaufstellung auf den Gebieten Recht, Compliance und Audit getroffen. Wir sind dabei, unsere Prozesse auf diesen Feldern weltweit einheitlich und durchgängig zu gestalten. Dazu konnten wir international erfahrene und angesehene Experten für unser Unternehmen gewinnen.
Im Vorstand unseres Unternehmens haben wir mit Wirkung zum 1. Oktober 2007 ein eigenes ÂRessort Recht und Compliance unter der Führung von Peter Y. Solmssen geschaffen. Peter Y. Solmssen war zuvor Chefjustiziar bei GE Healthcare. Als neuen Chief Compliance Officer konnten wir Andreas ÂPohlmann gewinnen. Er war zuvor unter anderem als Executive Vice President bei der Celanese Corp. tätig. Die Audit-Funktionen in der Konzernzentrale führen wir unter dem Dach von Corporate Finance (CF) in Corporate Finance Audit (CFA) zusammen. Zum Leiter dieser neuen Hauptabteilung haben wir Hans Winters bestellt, der bisher als ÂPartner bei PricewaterhouseCoopers tätig war.
Fortschritte haben wir auch bei der operativen Umsetzung der Compliance-Maßnahmen erzielt. So sind beispielsweise die persönlichen und elektronischen Schulungen der Führungskräfte in allen unseren Ländern weit voranÂgeschritten. Mit klaren Regeln für jeden Mitarbeiter wollen wir das Bewusstsein für Compliance im Unternehmen konsequent stärken. Hierzu zählt auch der Aufbau einer zentralen Frage-Antwort-ÂPlattform, unseres globalen Helpdesks, auf dem ÂMitarbeiter Compliance-Fragen zum TagesÂgeschäft genauso wie etwa zu korrektem Umgang mit externen Partnern stellen können.
Im Zusammenhang mit den Ermittlungen beim ehemaligen Bereich Siemens Communications (Com) hat das zuständige Landgericht München I eine Geldbuße verhängt. Zudem wurde mit den deutschen FinanzÂbehörden eine abschließende Regelung getroffen. Mit diesen EntÂscheidungen sind die staatsanwaltschaftlichen und steuerrechtlichen Ermittlungen in Deutschland gegen Siemens im Âehemaligen Bereich Com beendet.
Unabhängig davon setzen wir die interne Suche nach möglichen Verfehlungen in der Vergangenheit mit unverminderter Intensität fort. Wo immer diese Untersuchungen zu konkreten Ergebnissen Âführen, werden wir sofort und ohne Zögern Konsequenzen ziehen. Saubere ÂGeschäfte immer und überall sind nicht nur möglich. Sie sind ohne Wenn und Aber für uns notÂwendig. Das ist unsere Unternehmenskultur. ÂSiemens – das ist HöchstÂleistung mit vorbildlichem ethischem Anspruch.
Wir haben im erfolgreichen Berichtsjahr Schritte unternommen, mit denen wir unsere führende ÂPosition am Weltmarkt untermauern und ausbauen wollen. Das Portfolio ist neu strukturiert und an einigen Stellen hervorragend ergänzt. Für das vor uns liegende Geschäftsjahr haben wir uns klare Ziele gesetzt: Wir wollen Siemens weniger komplex, fokussierter und schneller machen.
Darüber hinaus wollen wir unsere Kosten senken. Ein ganz konkreter Punkt sind dabei unsere ÂVertriebs- und allÂÂgeÂmeinen Verwaltungskosten, also die sogenannten selling, general and adminisÂtrative (SG&A) costs. Hier werden wir Maßnahmen in den Zentralen, in den operativen Einheiten und in den RegionalÂgesellschaften auf den Weg bringen, mit denen wir bis zum Jahr 2010 unsere SG&A-Kosten um zehn bis 20 Prozent − ausgehend vom Niveau des Berichtsjahrs − absenken und so zu unseren besten WettÂbewerbern aufschließen.
Mit der organisatorischen Neuaufstellung schaffen wir ein Unternehmen mit den drei starken Säulen Industry, Energy und Healthcare. Auf diesen Feldern geben wir mit unserer Innovationskraft, unseÂrer globalen Marktpräsenz und unserer Lösungskompetenz Antworten auf die Fragen unserer Zeit – ÂAntworten, die kein anderer besser geben kann als wir. Werner von Siemens nutzte die Chancen Âseiner Zeit, indem er die richtigen Antworten fand. Darauf bauen wir auf und arbeiten mit Stolz und Freude an der Zukunft unseres Unternehmens – Schritt für Schritt, voller Entschiedenheit und mit klarem Blick nach vorn.

Peter Löscher
Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG
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Vielen Dank für Ihr Interesse am Siemens-Geschäftsbericht 2007.
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