Peter Löscher
Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG
2008 war ein Jahr des Übergangs – geprägt von einer zielgerichteten und umfassenden Weiterentwicklung von Siemens. Mit ihr haben wir zwei Ziele verfolgt: Zum einen ging es darum, die Komplexität der Organisation zu reduzieren. Und zum anderen wollten wir die Geschwindigkeit unserer Geschäftsprozesse weiter erhöhen. Mit beiden Vorhaben sind wir gut vorangekommen: Wir haben die Führungsstruktur vereinfacht, unsere Geschäftsaktivitäten in den Sectors Industry, Energy und Healthcare gebündelt, unsere lokale Präsenz durch die Bildung von 20 regionalen Clustern neu formiert und ein Programm zur Senkung der Vertriebs- und allgemeinen Verwaltungskosten initiiert. Alles in allem haben wir im Geschäftsjahr 2008 den weitestreichenden Konzernumbau in der Geschichte von Siemens mit Erfolg vollzogen. Vor dem Hintergrund eines sich eintrübenden weltwirtschaftlichen Umfelds schaffen wir damit die Voraussetzungen, auch in Zukunft unsere Fit42010-Ziele eines profitablen und nachhaltigen Umsatzwachstums zu erreichen.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr hat unser Wachstum nicht an Dynamik eingebüßt – den Turbulenzen an den Märkten zum Trotz. Der Auftragseingang hat sich um 11 Prozent auf 93,5 Milliarden Euro erhöht, und der Umsatz kletterte um 7 Prozent auf 77,3 Milliarden Euro. Damit haben wir unser Ziel, mindestens doppelt so schnell zu wachsen wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt, auch in diesem Jahr erreicht. Die größten Zuwächse beim Umsatz verzeichneten wir in Russland. Hier konnten wir 84 Prozent mehr Aufträge in die Bücher nehmen als im Vorjahr. Auch die Erlöse aus China und Indien haben sich mit plus 18 Prozent beziehungsweise plus 12 Prozent außerordentlich gut entwickelt. Besonders erfreulich ist, dass wir auch in Deutschland, an unserem Heimatmarkt, beim Auftragseingang um insgesamt 6 Prozent wachsen konnten.
Das Ergebnis Total Sectors erreichte mit 6,5 Milliarden Euro ein erwartet hohes Niveau – ohne die darin bereits enthaltenen Transformationskosten in der Mobility Division und im Healthcare Sector lag das Ergebnis sogar klar über dem des Vorjahrs. Auch das Nettoergebnis in Höhe von 5,9 Milliarden Euro enthält eine Reihe Einmaleffekte. Hier haben sich insbesondere die Maßnahmen im Zusammenhang mit der Trennung von Siemens Enterprise Communications (SEN) und Siemens Home and Office Communication Devices (SHC) niedergeschlagen. Hinzu kommen die notwendigen Rückstellungen für unser Programm zur Senkung der Vertriebs- und allgemeinen Verwaltungskosten (SG&A). Auch die Gründung der Siemens Stiftung zur Förderung nationaler und internationaler Projekte auf den Themengebieten Technik, Bildung, Soziales und Kunst fällt mit einem Startkapital von 390 Millionen Euro noch in die Berichtsperiode.
Gerade vor dem Hintergrund der genannten Fakten ist eine ausgewogene Balance zwischen Eigen- und Fremdkapital von besonderer Bedeutung. Im Rahmen unseres Unternehmensprogramms Fit42010 haben wir uns deshalb vorgenommen, die Kapitalstruktur von Siemens zu optimieren. Bis zum Jahr 2010 wollen wir die Nettoverschuldung im Verhältnis zum EBITDA auf einen Wert von 0,8 bis 1,0 reduzieren. Hierzu haben wir das umfangreichste Aktienrückkaufsprogramm in der Geschichte von Siemens aufgelegt, das bis zum Geschäftsjahr 2010 ein Volumen von bis zu zehn Milliarden Euro vorsieht. Erste wichtige Schritte haben wir hierzu bereits zurückgelegt: Am 28. Januar 2008 mit einer ersten Tranche über ein Volumen von zwei Milliarden Euro gestartet, hatten wir bis zum 8. April 2008 insgesamt 24,9 Millionen Aktien insbesondere zum Zwecke der Einziehung und Kapitalherabsetzung zurückgekauft. Am 6. Juni folgte die Bekanntmachung einer zweiten, ebenfalls zwei Milliarden Euro umfassenden Tranche. Bis zum 22. Juli 2008 sind in dieser Tranche 27,9 Millionen Aktien zurückgekauft worden, sodass bisher insgesamt ein Volumen von 52,8 Millionen Aktien innerhalb des Aktienrückkaufsprogramms erworben wurde.
Verantwortung und Transparenz sind für uns untrennbar. Die vergangenen eineinhalb Jahre haben wir dazu genutzt, die Führungs- und Organisationsstruktur weniger komplex, übersichtlicher und damit kundennäher zu machen. Das bedeutet: schnellere Entscheidungswege dank klarer und direkter Verantwortung und ein Portfolio, das sich an den Bedürfnissen unserer Kunden orientiert. Unser neues Führungs- oder auch CEO-Prinzip zieht sich durch alle Ebenen unseres Operativen Geschäfts: Sectors – Divisions – Business Units. Wir haben es zusätzlich auch in den 20 regionalen Clustern eingeführt.
Wir haben wir auf dem Gebiet Compliance weitere große Fortschritte gemacht. Die diesbezüglichen Prozesse haben wir weltweit vereinfacht, präzisiert und durchgängig gestaltet. Die personelle und organisatorische Neuaufstellung ist weitestgehend abgeschlossen. Die Compliance-Organisation ist von 80 auf über 600 Mitarbeiter weltweit angewachsen. Gut 120.000 Mitarbeiter auf allen Ebenen des Unternehmens haben eine Compliance-Schulung oder ein Online-Training erfolgreich absolviert. Mehr als 100.000 Dokumente, rund 127 Millionen Transaktionen und gut 40 Millionen Kontoauszüge wurden im vergangenen Jahr einer hausinternen Überprüfung unterzogen.
Auf Basis der Einschätzung des Stands der Gespräche mit den Behörden in Deutschland und in den USA haben wir Anfang November 2008 eine Rückstellung in Höhe von rund 1 Milliarde Euro gebucht.
Unsere Anstrengungen werden nicht nur von den Behörden, sondern auch von der Öffentlichkeit gewürdigt. So haben wir im Rahmen des Dow Jones Sustainability Index bei den Themen Risikomanagement, Compliance und bei der Wahrung der Eigentümerinteressen Spitzenplätze und fast die Höchstpunktzahl erreicht. Zum Vergleich: Im vorangegangenen Ranking belegten wir den letzten Platz. Jetzt haben wir uns auf einen der vordersten Ränge vorgearbeitet. Ein weiterer wichtiger und großer Schritt, mit dem wir uns gleichwohl nicht zufriedengeben. Unser Ziel ist und bleibt, weltweites Vorbild bei Compliance zu werden. Saubere Geschäfte immer und überall: Das ist die Maxime unseres Handelns und unserer Unternehmenskultur − ohne Wenn und Aber. Siemens – so verstehen wir uns – verbindet Höchstleistung mit höchstem moralischem Anspruch.
Die Welt steht vor großen Herausforderungen: Klimawandel, steigende Energiekosten und begrenzte Ressourcen verlangen nach Antworten. „Grüne Märkte“ wachsen schnell und bieten ein riesiges Potenzial – und Siemens ist für diese Entwicklung bestens aufgestellt und gerüstet. In das Siemens-Umweltportfolio haben wir herausragende Produkte und Lösungen unseres Unternehmens aufgenommen. Sie liefern einen direkten, nachweisbaren Beitrag zu Umwelt- und Klimaschutz und umfassen Anlagen und Komponenten zur Nutzung erneuerbarer Energien sowie Umwelttechnologien. Darüber hinaus sind sie häufig energieeffizienter als ihre Referenzlösungen und erzeugen einen dreifachen Nutzen: größere Wirtschaftlichkeit für unsere Kunden, höhere Lebensqualität für die Gesellschaften, in denen wir tätig sind und leben, und nicht zuletzt ein überdurchschnittliches Wachstum für Siemens.
Ein gesondertes Kapitel dieses Berichts zeigt Ihnen die einzigartige Breite unseres Umweltportfolios: Kein Unternehmen weltweit verfügt über ein solches Angebot an Technologien zur Reduzierung von Treibhausgasen wie Siemens. Und es gibt kein Unternehmen, das mehr Umwelttechnik verkauft als wir. Bis zum Geschäftsjahr 2011 haben wir uns vorgenommen, die Umsätze aus Umwelttechnologien auf rund 25 Milliarden Euro zu steigern. Bereits im Berichtsjahr erzielten wir hier einen Umsatz von rund 19 Milliarden Euro.
„Siemens Answers“ heißt unsere im vergangenen Jahr begonnene Unternehmenskampagne. Der Name ist Programm: Denn Siemens hat dank eines umfassenden und innovativen Produkt- und Lösungsangebots schon heute die Antworten auf wichtige Fragen dieser Zeit. Sie beziehen sich auf die Herausforderungen bei Energie und Umwelt, bei Industrie und auch im Gesundheitswesen. Hierbei können wir auf unsere Stärken bauen: eine verantwortungsvolle Unternehmensführung, exzellente und hoch motivierte Mitarbeiter und unsere Innovationskraft. Erstmals in der Geschichte unseres Unternehmens verfügen wir mit „Siemens Answers“ über eine integrierte Kommunikationsplattform, die unsere Marke und unsere zentralen Botschaften über alle Medien an unsere Zielgruppen heranträgt und gleichzeitig unsere Geschäftsaktivitäten fördert und unterstützt – und dies weltweit.
Gesellschaftliches Engagement ist seit der Gründung von Siemens im Jahr 1847 ein fester Bestandteil unserer Unternehmenspolitik. Die von uns neu gegründete gemeinnützige Siemens Stiftung steht in dieser Tradition. Sie soll unserem gesellschaftlichen Handeln dauerhaft Ausdruck verleihen und unsere Aktivitäten auf den Feldern Technik, Bildung, Soziales sowie Kunst und Kultur sichtbarer machen. Die in München ansässige Stiftung wird mit Beginn des neuen Kalenderjahrs 2009 ihre Tätigkeit aufnehmen.
Verantwortung fördern wir auch mit der Überarbeitung unseres Vergütungssystems im Zusammenhang mit unserem Aktienprogramm. So verlangen wir von unseren 500 Top-Führungskräften, zwischen 50 und 300 Prozent ihrer jährlichen Grundvergütung in Siemens-Aktien zu halten. Gerade beim obersten Management schärfen wir auf diese Weise das Bewusstsein für seine herausgehobene Verantwortung im Unternehmen. Für die oberen 5.000 Führungskräfte des Hauses ist darüber hinaus – wie bisher – die Vergütung im Rahmen eines Aktienbezugsprogramms in Form von Stock Awards vorgesehen. Ferner wollen wir mit einem neuen Basis-Aktien-Programm alle Mitarbeiter – vom Fabrikarbeiter bis zur Führungsspitze – ermutigen, am Erfolg des eigenen Unternehmens teilzuhaben und langfristig in Siemens-Aktien zu investieren. Dabei geben wir für drei neu erworbene Siemens-Aktien, die in drei aufeinanderfolgenden Jahren gehalten werden, jeweils eine Siemens-Aktie kostenlos dazu.
Die internationale Finanzmarktkrise hat im Laufe des Berichtsjahrs zunehmend auch die Realwirtschaft erfasst. Es ist davon auszugehen, dass die Weltwirtschaft die Folgen dieser Krise noch länger spüren wird. Insgesamt deuten alle Indikatoren – auch die Entwicklung der Rohstoffpreise – auf eine deutliche Abkühlung der weltweiten Konjunktur hin.
Insbesondere das Wachstum der US-amerikanischen Volkswirtschaft wird wohl weiter an Dynamik verlieren mit Konsequenzen für die gesamte Welt. Die Hoffnungen, dass China und Indien diesen Rückgang kompensieren könnten, haben sich nicht erfüllt. Vielmehr spüren auch diese Länder den schärferen konjunkturellen Gegenwind. Auch für Europa und Deutschland haben sich die Konjunkturaussichten eingetrübt. Gerade die exportorientierte deutsche Wirtschaft ist von einem Nachfragerückgang an den wichtigsten Exportmärkten der USA und der Europäischen Gemeinschaft betroffen. Die Herausforderungen für Siemens werden sich also im neuen Geschäftsjahr an allen Märkten verschärfen.
Wir rechnen im Geschäftsjahr 2009 mit abflachenden Wachstumsraten beim Auftragseingang und in der Folgewirkung auch beim Umsatz. Unsere gut gefüllten Auftragsbücher, die einen Bestand von mehr als 85 Milliarden Euro ausweisen, geben uns aber guten Halt. Die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen zeigen deutlich, dass wir mit der Neuorganisation unseres Unternehmens nicht später hätten starten dürfen. Wir haben damit rechtzeitig die Grundlagen für eine auf Wachstum ausgerichtete Zukunft geschaffen. Daher sehen wir gute Chancen, unsere Prognose für das kommende Geschäftsjahr zu erfüllen. Wir wollen beim Umsatz weiterhin doppelt so schnell wachsen wie das weltweite Bruttoinlandsprodukt. Das Erreichen unserer Ergebnisprognose für das Geschäftsjahr 2009 ist sicher ambitionierter geworden. Doch wir halten daran fest. Quartalsweise werden wir die Auswirkungen der Finanzmarktkrise auf die Realwirtschaft bewerten.
Wir gehen mit Selbstvertrauen und Zuversicht in das neue Jahr. Denn Siemens ist stark: dank unserer klaren Ausrichtung auf die Bedürfnisse und Anforderungen unserer Kunden, dank unseres innovativen Produktportfolios, dank unserer Finanzstärke und dank unserer engagierten und hoch motivierten Mitarbeiter.
Peter Löscher
Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG
Vielen Dank für Ihr Interesse am Siemens Geschäftsbericht 2008.
Für weitere Informationen stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
+49 (0)89 636-33032 (Pressestelle)
+49 (0)89 636-32474 (Investor Relations)
+49 (0)89 636-30085 (Pressestelle)
+49 (0)89 636-32830 (Investor Relations)
Bitte senden Sie den Geschäftsbericht 2008 an die folgende Adresse: