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Pictures of the Future      Frühjahr 2006

Simulationen – Lernende Software

Vom Gehirn zum Walzwerk

Seit 18 Jahren entwickeln Siemens-Wissenschaftler lernende Software. Inzwischen haben sie eine ganze Bibliothek von Methoden erarbeitet, die sie erfolgreich auf so unterschiedliche Gebiete wie Walzwerke, Kraftwerke, Gentechnik, Geschirrspüler oder Logistikprozesse anwenden.

Roheisen und Walzwerk

Ob für die Roheisen-Erzeugung (links) oder das Walzen von Stahlblechen und selbst bei der Analyse der Beziehungen zwischen Genen (unten) – die lernende Software aus der Abteilung von Prof. Schürmann bringt den Bereichen von Siemens erhebliche Wettbewerbsvorteile

Wenn das kein Hinweis ist, dass sie auf dem richtigen Weg sind. "Internetfirmen wie Google und Yahoo stellen derzeit reihenweise Leute ein, die etwas von lernenden Systemen verstehen", sagt Dr. Volker Tresp. Er entwickelt mit Kollegen im Fachzentrum "Lernende Systeme" bei Siemens Corporate Technology (CT) in München Lösungen für Stahlwerke, Waschmaschinen oder auch für "Data Mining", die Analyse großer Datenmengen. Gerade diese Technik brauchen die Internetfirmen, um ihre Suchmaschinen zu verbessern. Doch die Siemens-Forschergruppe gibt es schon viel länger als Google oder Yahoo: Sie wurde vor 18 Jahren gegründet.

 

Damit ist sie weltweit eine der am längsten bestehenden industriellen Forschergruppen, die sich mit lernender Software beschäftigt. "Wir sind im akademischen Umfeld genauso präsent wie in der Industrie", sagt Fachzentrumsleiter Prof. Bernd Schürmann. So veröffentlichten die 30 Forscher etwa 200 Arbeiten in wissenschaftlichen Journalen ebenso, wie sie Patente anmelden und Software für fast alle Siemens-Bereiche entwickeln.

Gegründet wurde die Abteilung 1988, als die Verheißung künstlicher Neuronaler Netze besonders groß war. Darunter versteht man Computersysteme, die Daten nach ähnlichen Prinzipien verarbeiten wie die Nervenzellen (Neuronen) eines Gehirns. Im Gegensatz zu herkömmlichen technischen Systemen werden Regeln nicht fest programmiert – das Neuronale Netz kann aus Erfahrung lernen und sein Verhalten selbstständig anpassen. Das geschieht in einer Trainingsphase mit Beispielen: Soll es etwa lernen, Autos auf einer Straße zu erkennen, kann man es anhand von Bildern unterschiedlichster Autotypen trainieren.

Die Kombination macht's. Die Idee der Neuronalen Netze ist 50 Jahre alt, doch erst Mitte der 80er Jahre wurden ihre Eigenschaften gründlich erforscht. Bereits bei den ersten primitiven Netzen schienen die Ergebnisse so viel versprechend, dass man dachte, fast alles damit machen zu können – von der Erkennung von Mustern über autonome Roboter bis zu Wetterprognosen. Doch die Euphorie schwand, als sich herausstellte, dass Neuronale Netze in der Praxis oft nur von eingeschränktem Nutzen waren – was unter anderem daran lag, dass nicht ausreichend Trainingsmuster vorhanden waren.

Inzwischen wissen die Forscher, dass sich gute Ergebnisse vor allem durch Kombination mit anderen Verfahren erzielen lassen. Zum Beispiel mit "Fuzzy Logik", einer unscharfen Logik, die nicht nur Null und Eins zulässt, sondern auch Zwischenwerte; oder mit statistischen Verfahren, die auf Basis der Wahrscheinlichkeitstheorie Vorhersagen machen. Ideal für die Münchener Forscher, denn "unsere Stärke ist die Breite der Methoden, die wir beherrschen", sagt Volkmar Sterzing, der bei "Lernende Systeme" das Kompetenzfeld "Advanced Control, Prognosis and Diagnostics" leitet. Die Siemens Machine Learning Library (SML), eine Software-Bibliothek, die der Ingenieur Bernhard Lang entwickelt hat, dokumentiert diese Methodenvielfalt. SML kommt als Handwerkszeug der Neuroforscher bereits in zehn Produkten und Systemen aus fünf verschiedenen Siemens-Bereichen zum Einsatz.

Zum Beispiel bei SIMELT SIMPAX, einer Lösung für Direktreduktionsanlagen zur Erzeugung von Roheisen. In solchen Anlagen wird das Eisenerz nicht geschmolzen, sondern chemisch reduziert, indem heißes Erdgas darüber strömt und die Sauerstoffverbindungen löst. Steuern ließ sich dies bislang nur mit viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl, denn man muss etwa Temperatur und Roheisenentnahme genau einstellen, weil sonst das Eisen nicht rein genug wird. Wie hochwertig das Endprodukt ist, zeigt sich erst am Schluss des Prozesses – doch dann ist es zu spät, um noch einzugreifen. Lang hat daher ein Prognosemodell entwickelt, das auf lernenden Netzen sowie thermodynamischen Formeln beruht. Mit diesem Modell lässt sich der Prozess in Echtzeit simulieren. Das Netz hat zuvor anhand von Beispielen gelernt, welche Eingangswerte – Konzentration der zugeführten Gase, Temperaturen oder Durchsatzgeschwindigkeit – einem möglichst reinen Eisen entsprechen.

 
 
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