Das Telefon klingelt. „Ich muss nächste Woche nach Shanghai, um den Vertrag mit unserem chinesischen Partner auszuhandeln. Ich bin schon viel gereist, war aber noch nie in China – bestimmt ist dort alles ganz anders. Ich habe keine Zeit, Bücher dazu zu lesen oder einen Kurs zu machen. Können Sie mir helfen? Ich brauche eine Art „Knigge“ – eine Liste mit den wichtigsten Verhaltensregeln. Der Erfolg unseres Asiengeschäfts hängt von diesen Verhandlungen ab.“
Interkulturelle Berater kennen Anrufe wie diese zu genüge. Es herrscht ein ungeheurer Druck, eine Sofortlösung aus dem Hut zu zaubern. Auch Zeitschriften und Buchläden wimmeln von Schnellkursen über andere Kulturen.
Es ist einfach, Allgemeinplätze über andere Kulturen zu verbreiten – wenn es um unsere eigene Kultur geht, differenzieren wir gerne viel mehr. Solche Verhaltensregeln verraten oft mehr über ihren Verfasser als über die Zielkultur. Eine Liste mit Verhaltensregeln ist wie der Versuch, bei einem Film aus einem Standbild die gesamte Handlung abzuleiten. Selbst wenn diese Listen richtig sind, können sie gar nicht den entsprechenden Kontext und die Motivation der Beteiligten berücksichtigen. Sie können nie ein umfassendes Bild abgeben und - was noch viel gefährlicher ist - sie vermitteln Ihnen ein falsches Gefühl der Sicherheit.
Das jeweilige Verhalten hängt von einem komplexen Zusammenspiel zwischen der Situation, der individuellen Persönlichkeit und der Kultur in allen ihren Formen ab; die Landeskultur kann eine wichtige Rolle spielen, wird manchmal aber von regionalen, unternehmensweiten oder beruflichen Kulturen in den Schatten gestellt.
Im schlimmsten Fall verstärken Listen mit Verhaltensregeln einfach Stereotypen. Stereotypen sind feste Vorstellungen davon, welche Eigenschaften ein bestimmter Typ Mensch oder ein bestimmter Gegenstand besitzt. Das Wort kommt ursprünglich aus der Sprache der Drucker. Dort bezeichnet er sozusagen eine „steréo(s) (= gr. starre) Type“, also eine Art des Druckens, die sich fester, vorgefertigter Druckplatten bedient. Natürlich müssen wir unser Wissen kategorisieren, um daraus schlau zu werden, aber das Problem mit Stereotypen ist, dass sie per Definitionem „starr“ sind.
Eine neuere Studie zeigt, dass diese Art nationaler Stereotypisierung wenig Wahres in sich birgt. Eine internationale Gruppe an den National Institutes of Health (NIH) in den USA beobachtete mehr als 4.000 Erwachsene aus 49 Kulturen. Die Forscher fanden heraus, dass die überlieferten kulturellen Eigenschaften den tatsächlichen, von Menschen aus Fleisch und Blut an den Tag gelegten, nicht entsprechen. Stereotype über den Charakter einer Nation scheinen weitestgehend kulturelle Konstrukte zu sein, die durch die Medien, Bildung und Erziehung, die Geschichte, das Hörensagen und Witze tradiert werden. Der Wissenschaftler Antonio Terracciano fasste zusammen: „Man sollte weniger seinen eigenen Vorstellungen über den Charakter einer Nation vertrauen. Das kann gefährlich sein und zur Grundlage für Diskriminierung werden.“
Die besten Ratgeber zu anderen Kulturen vermeiden grobe Stereotypen und konzentrieren sich auf die Fakten; wenn sie konkrete Ratschläge geben, berücksichtigen sie den Kontext, in welchem ein bestimmtes Verhalten angebracht ist. Eine Lektüre dieser Bücher ist ein Anfang, jedoch kein Ersatz für die Entwicklung interkultureller Kompetenz – dies erfordert lebenslanges Lernen basierend auf eigener Erfahrung in Verbindung mit Schulungen und Selbstreflexion.
Den vielleicht besten Tipp zum Umgang mit Angehörigen fremder Kulturen bzw. zur Herangehensweise an Informationen über sie hat Adolph Freiherr von Knigge in seinem berühmten Buch „Über den Umgang mit Menschen“ (Erstdruck 1788) bereits erteilt: „Interessiere Dich für andere, wenn Du willst, dass andere sich für dich interessieren." Dazu gehört, sich der Stereotypen bewusst zu sein und sie in Frage zu stellen. Darüber hinaus sollte man sich stets vor Augen halten, dass das Verhalten Einzelner von vielen komplexen Tatsachen bestimmt ist.