Für „into…“ – Kompositorische Annäherungen an Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta lassen sich 16 international renommierte Komponistinnen und Komponisten darauf ein, einen Monat lang in einer der ausgewählten Megastädte zu leben, sich dieser auf ihre ganz eigene Weise anzunähern und ihre Eindrücke in 20-minütigen Kompositionen zum Ausdruck bringen.
„Als Komponist lebe ich von Erlebnissen und muss alles wahrnehmen, … Reisen, woanders sein, das ist für mich alles Aufregung, die für mich existenziell wichtig ist.“ So beschreibt der ungarische Komponist Marton Illés seine Entscheidung für die Teilnahme am „into…“-Projekt. Gemeinsam mit weiteren Komponistinnen und Komponisten tritt er an, das Wesen einer Großstadt zu ergründen. Das
Siemens Arts Program greift mit diesem Projekt eine Thematik künstlerisch auf, die zunehmend im Mittelpunkt des Interesses von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft steht: Da heute bereits die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten wohnt, bildet der Lebensraum Stadt eine Herausforderung, der sich auch Siemens im Rahmen seiner Leistungen für die Infrastruktur stellt.
Marton Illés ist einer von vier Dubai-Reisenden und zum ersten Mal in dieser Metropole, die er nach seinem Aufenthalt als kitschig, scheinheilig, grandios, betäubend und wieder betäubend beschreibt. Während Illés mit der Stadt durch Sehen, Hören, Riechen und Berühren in Kontakt tritt, erforscht der deutsche Komponist Markus Hechtle eher die städtebaulichen Aspekte und die Architektur, beschäftigt sich aber auch mit Religion und dem kulturellen Erbe der Emirate. Ähnlich geht der in Litauen geborene Vykintas Baltakas vor, der sich besonders für Architektur, die Geschichte und die Sozialstruktur interessiert. Für den vierten Dubai-Reisenden, den Deutschen Jörg Widmann, ebenfalls zum ersten Mal in Dubai, sind Gerüche und die Atmosphäre wichtiger, als ein bestimmtes Programm zu absolvieren.
Vier Komponisten – vier unterschiedliche Arten, die Umgebung wahrzunehmen und Eindrücke zu verarbeiten, vier unterschiedliche Ansätze, diese künstlerisch umzusetzen.
Ähnlich ergeht es den nach Johannesburg in Südafrika reisenden Komponisten: dem Briten Luke Bedford, dem Deutschen Jörg Birkenkötter, dem Norweger Lars Petter Hagen und der Italienerin Lucia Ronchetti. Auch für diese vier ist es die erste Begegnung mit „ihrer“ Stadt. Obwohl jeder von ihnen die Stadt ganz individuell erlebt, empfinden sie vor allem die Vielfalt der im Grunde nicht zu vereinbarenden Elemente, die dort aufeinander prallen, als spannend: afrikanische und westliche Lebensweise, Tradition und Moderne. Darin erkennen sie ein großes Wachstums- und Entwicklungspotenzial.
Istanbul, die Stadt, die zwei Kontinente miteinander verbindet, gilt als Metropole dreier Weltreiche und als Schmelztiegel verschiedener Kulturen und Glaubensrichtungen. „into“ Istanbul begeben sich der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi, der Franzose Mark Andre, der Österreich-Schweizer Beat Furrer und der in der Ukraine geborene Vladimir Tarnopolski. Während sich Odeh-Tamimi mit den architektonischen Besonderheiten Istanbuls beschäftigt, stehen für Mark Andre Vornamen als Zugang zur Lebensgeschichte und Religion einer Person im Mittelpunkt des Interesses. Vladimir Tarnopolskis Aufmerksamkeit gilt hingegen dem Bosporus als Schnittstelle zwischen Europa und Asien, zwischen Christentum und Islam.
Nach China, ins Pearl River Delta, einem Ballungsgebiet, das die Städte Macao, Shenzhen und Guangzhou umfasst, reisen die deutschen Komponisten Heiner Goebbels und Johannes Schöllhorn, Benedict Mason aus Großbritannien und die Koreanerin Unsuk Chin. Für Schöllhorn beginnt die Recherche mit der Frage nach dem Wasser und dessen Regulierung in den riesigen Städten dieses Wirtschaftswunderzentrums. Heiner Goebbels interessiert sich für das Phänomen der Entwurzelung in den südchinesischen Ballungszentren.
Schon die ersten Eindrücke der Komponisten zeigen, wie unterschiedlich die Herangehensweisen sind und wie unvorhersehbar die Ergebnisse. Während ihres Aufenthalts bleiben die Notenblätter der Komponisten meist noch leer. Die meisten möchten die gewonnen Eindrücke zunächst setzen lassen. Dass jede Stadt ihren eigenen Klang hat, geprägt von ihren Sprachen, Religionen, typischen Alltagsgeräuschen und Fortbewegungsmitteln, aber auch ihrer geografischen Lage, ist nachvollziehbar oder lässt sich erahnen. Aber wird es gelingen, diesen vier so unterschiedlichen Städten eine bestimmte Essenz zu entlocken und diese zusammen mit persönlicher, sinnlicher Erfahrung in Musik zu transformieren? Die Komponisten sind selbst gespannt, ebenso wie die Initiatoren dieses Experiments.
Das Siemens Arts Program, das als Kulturprogramm für Siemens aktuelle Tendenzen in der Gesellschaft aufgreift und künstlerisch interpretiert, hat mit diesem Projekt wiederum ein wichtiges Thema unserer Zeit aufgenommen. Musikalisch umgesetzt und aufgeführt werden die Kompositionen vom Ensemble Modern, im Zeitraum Herbst 2008 bis Sommer 2010 u. a. in Frankfurt, Berlin, Essen sowie in den Ursprungsstädten Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta. Das 1980 gegründete Ensemble Modern zählt zu den weltweit führenden Ensembles für Neue Musik.
Tiefer in dieses Projekt einlesen können Sie sich auf der Website des Siemens Arts Program