Klaus-Peter Wegge leitet das Siemens Accessibility Competence Center und ist für die Koordination der 1999 gegründeten Siemens Access Initiative (SAI) verantwortlich. Ziel dieser unternehmensweiten Initiative ist es, Produkte und Dienstleistungen barrierefrei zu gestalten, sodass sie auch von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen ohne Schwierigkeiten und grundsätzlich ohne fremde Hilfe genutzt werden können. Das gilt übrigens auch für diese Website.
Klaus-Peter Wegge, Leiter des Siemens Accessibility Competence Centers für die barrierefreie Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen.
Barrierefreiheit, im Englischen mit Accessibility bezeichnet, bezieht sich nicht nur auf die physikalischen Barrieren, mit denen behinderte Menschen täglich konfrontiert werden. Es handelt sich vermehrt um weniger offensichtliche Barrieren, die häufig durch den Einsatz moderner Technologien entstehen, und die Menschen teilweise oder sogar vollständig von deren Nutzung ausschließen. Dies gilt zum Beispiel für Internet-Portale, Software, Selbstbedienungssysteme, Unterhaltungselektronik, Hausgeräte und natürlich Kommunikationsgeräte und -dienstleistungen aller Art. Nicht selten sind es ganz einfache Dinge, die bei der Gestaltung der Produkte zu beachten sind, wenig kosten und die Nutzung für alle erleichtern. Deshalb sprechen wir bei Alltagsprodukten auch von „Gestaltung für alle“.
Wir definieren drei Ebenen der Barrierefreiheit: Erstens, die Gestaltung für alle: Das Produkt muss für möglichst viele Menschen gleichermaßen nutzbar sein. Dies gilt insbesondere für öffentlich zugängliche Produkte wie Geld- oder Fahrkartenautomaten, Gebäude, öffentlicher Transport oder Informationsangebote wie TV, Internet etc. Zweitens, die Anpassbarkeit: Das Produkt kann den Nutzeranforderungen angepasst werden. Sie kennen das vom Mobiltelefon, das Sie so konfigurieren, dass es Ihren Anforderungen am besten entspricht. Und drittens, die Nutzbarkeit durch Hilfsmittel: Produkte müssen so gestaltet werden, dass sie mit Hilfe so genannter Hilfsmittel genutzt werden können. Dies gilt zum Beispiel für Webseiten, die so programmiert sein müssen, dass sie mittels spezieller Software vorgelesen oder in taktile Blindenschrift umgesetzt werden können.
Gerade aufgrund der demographischen Entwicklung, sprich, der steigenden Lebenserwartung, sowie der unbestreitbaren Tatsache, dass im Alter die motorischen, sensorischen und kognitiven Fähigkeiten langsam abnehmen, erhält die barrierefreie Gestaltung eine immer größere gesellschaftliche und ökonomische Bedeutung. Fehlen die Möglichkeiten, ein weitgehend selbständiges und eigenbestimmtes Leben bis ins hohe Alter zu führen, so entstehen der Gesellschaft daraus erhebliche Kosten. Aber auch die Lebensarbeitszeit wird mittelfristig steigen, sodass barrierefreie Arbeitsstätten von wachsender Bedeutung sind. Vergessen dürfen wir auch nicht die Gruppe behinderter Menschen, die in Ausbildung und Arbeit stehen. Sie sind besonders auf barrierefreie Produkte angewiesen, um einen Arbeitsplatz zu bekommen und ihn zu behalten. Barrierefreiheit ist bereits in vielen Ländern, wie auch in Deutschland, in bestimmten Bereichen gesetzlich geregelt.
Das Ziel unserer Initiative ist es, dazu beizutragen, dass unsere Produkte und die Produkte unserer Kunden nicht nur den gesetzlichen Anforderungen zur Barrierefreiheit genügen. Darüber hinaus geht es uns darum, den Nutzen der Siemens-Produkte und damit die Kundenzufriedenheit zu steigern. Dadurch wollen wir neue Nutzergruppen erschließen. So hat Siemens die alternde Gesellschaft als "Megatrend" erkannt, auf den es zu reagieren gilt und durch den sich neue Marktpotenziale erschließen lassen.
Allein in Deutschland leben mehr als acht Millionen Menschen mit staatlich anerkannten Behinderungen. Von ihnen sind 30 Prozent im erwerbsfähigen Alter. Jedoch ist die Arbeitslosigkeit bei Menschen mit Behinderungen mit mehr als 70 Prozent besonders hoch. Schätzungen besagen zum Beispiel, dass rund zwölf Millionen Menschen in Deutschland mit signifikanten Hörbeeinträchtigungen leben. Ungefähr zehn Prozent der männlichen Bevölkerung sind farbenblind. Diese Zahlen lassen sich auf die anderen westlichen Länder übertragen.
Neben der konkreten Beratung der Siemens-Kollegen in den unterschiedlichen Sectors und Divisions sowie von Siemens-Kunden führt mein Team konkrete Evaluierungen von Produkten auf Barrierefreiheit durch. Wir wissen, wovon wir reden, denn im Team arbeiten auch mehrere Kollegen mit unterschiedlichen Behinderungen.
Der direkte Kontakt zu älteren Menschen und Menschen mit Behinderungen sowie deren Organisationen und Verbände, den wir unter anderem auf entsprechenden Messen und Konferenzen suchen und pflegen, ist uns sehr wichtig. Die Beteiligung an verschiedenen europäischen Forschungsprojekten ermöglicht es uns, aktuelle technische Entwicklungen im Bereich Accessibility zu erproben und ihre Praxistauglichkeit kennen zu lernen.
Darüber hinaus verfolgen wir auch strategische Ziele. Da die Anforderungen von Menschen mit Behinderungen weltweit weitgehend identisch sind und wir für einen globalen Markt arbeiten, ist es für alle Seiten besonders wichtig, dass die Anforderungen in international harmonisierten Standards festgelegt und die entsprechenden Regelungen harmonisiert werden. Nur so wird eine Marktfragmentierung vermieden, die Lösungen sind einfacher machbar und für die Betroffenen effizienter nutzbar.
Deshalb beteiligen wir uns aktiv an der internationalen Standardisierung im Bereich Accessibility. Ich selbst bin Vorsitzender eines Normenausschusses beim DIN, in dem viele dieser Normungsaktivitäten gespiegelt werden. Außerdem bin ich Mitglied eines Expertenteams von CEN, eines Europäischen Komitees für Normung, das aktuell Vorschläge zur Umsetzung des EU Mandates 376 erarbeitet. Bei diesem Mandat geht es darum, dass auch in Europa, entsprechend des Vorbilds USA, Accessibility Vergabekriterium bei öffentlichen Ausschreibungen wird.
Durch unsere Mitarbeit in Industrieverbänden wie EICTA und BITKOM und in Kooperation mit den darin organisierten Unternehmen wirken wir auf international harmonisierte Regulierungen hin, um proprietäre einzelstaatliche Lösungen zu vermeiden. Gleichzeitig versuchen wir, die Hersteller vor überzogenen Anforderungen zu schützen. Es ist unser Anliegen, die Balance zwischen dem, was technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist, und dem, was für Menschen mit Behinderungen wirklich hilfreich ist, zu finden.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es mir natürlich sehr viel leichter fällt, praxisnahe Empfehlungen zur Gestaltung von Produkten und Dienstleistungen zu geben. Gegenüber Kunden, Partnern und Politikern haben die Aussagen eines selbst Betroffenen mehr Überzeugungskraft, während ebenfalls behinderte Menschen leichter Vertrauen aufbauen.
Man könnte aber auch sagen, dass ich als Industrievertreter, selbst betroffene Person, Interessenvertreter behinderter Menschen und gesellschaftspolitisch engagierter Mensch eigentlich immer zwischen den Stühlen sitze. Dabei geht es mir einfach darum, ganz pragmatisch und im Sinne aller Beteiligen etwas zu bewegen.
Das Interview führte Karin Hofmann.